Kap Verde : Berichte / Gastbeiträge von Heike Carstensen

Als Frau alleine unterwegs - São Nicolau

[]Mittwoch, den 24. Mai 2000

Um 7.30h fährt Cecilio mit uns in Richtung Porto Novo. Noch einmal erlebe ich die schöne, wirklich spektakuläre Fahrt über die Insel. Diesmal stehen in einem Dorf Bauern am Weg, die ihren Ziegenkäse anbieten. Das Auto hält - und alle kaufen begeistert Käse. Unser nächster Halt ist beim Gebäude der Fährgesellschaft, um Karten zu kaufen. Hier erleben Margit und ich die Kapverden wirklich von ihrer ätzenden Seite: es wird gedrängelt, was das Zeug hält. Eine Frau ist für den Kartenverkauf für Passagiere zuständig - und hoffnungslos überfordert. Sie muß jede Karte einzeln ausschreiben, jeder Passagier muß sich in eine Liste einschreiben. Zwischendrin geht ihr das Wechselgeld aus ... und irgendein hoher Militär glaubt, kraft seines Amtes sich das Drängeln schenken zu können und fordert lautstark, bevorzugt bedient zu werden. Irgendein Minister ist unterwegs - und für den soll er wohl Karten holen. Doch da ist er bei der Frau richtig: sie beschimpft ihn wüst und denkt überhaupt nicht dran, ihn vorzuziehen. Margit und ich sind schließlich erfolgreich, weil wir das Fährgeld passend haben und die Wechselgeldfalle umgehen können.

Im Hafen von Porto Novo geht es auch hoch her: das Schiff, mit dem wir nach Mindelo fahren sollen, wird entladen - aber wie! Unten wuseln überall Leute rum, keine Schutzhelme und nichts - während ein altersschwacher Kran alle möglichen Paletten vom Schiff hievt - und irgendwo zwischen den Leuten abstellt. Dann passiert, was passieren muß: Eine total hohe, nicht besonders stabil verpackte Palette mit Bananenjoghurts fällt um, ein Teil der Joghurts landet zwischen Schiff und Kaimauer im Wasser. Flugs machen sich zahllose Helferlein daran, die Joghurts aus dem Wasser zu fischen und die Palette wieder aufzubauen.

Nach einer Überfahrt bei sehr unruhiger See kommen wir in Mindelo an. Mit einem Taxi fahren wir zum Flughafen - wo recht bald auch Franz und Bea auftauchen. Die beiden haben sich zum Abschluß ihres Urlaubs noch ein paar schöne Tage in Sao Pedro gemacht.

Hier am Flughafen heißt es jetzt wirklich, Abschied von Margit, Franz und Bea zu nehmen, denn die fliegen nach Sal - und ich nach Sao Nicolau. Mein Flug geht zuerst. Wir werden aufgerufen, an Bord der Maschine zu gehen und laufen über das Rollfeld. Als ich mich noch mal zum Flughafengebäude umdrehe, sehe ich am Rande des Rollfeldes eine Frau mit roten Haaren stehen: Es ist Bea, die mir eifrig nachwinkt.

Auf dem Flug lerne ich eine junge Frau namens Louisa und ihre kleine Tochter Silvia kennen. Silvia ist 8 Monate alt und hat in dem Moment, wo unser Flug aufgerufen wird, die Windeln vollgemacht. Louisa fragt - aber es gibt keine Möglichkeit mehr, diese zu wechseln. Also muß die kleine Maus bis Sao Nicolau durchhalten, denn auch im Flugzeug kann Louisa sie nicht wickeln. Glücklicherweise dauert der Flug nur ca. 25 Minuten! Louisa erzählt mir, daß es sie ziemlich nervt, auf Sao Nicolau zu leben, es sei einfach nichts los. Sie war mal einige Zeit in den USA - daher spricht sie Englisch - und hat dort als Hausangestellte gearbeitet. Das fand sie auch nicht so toll, doch sie denkt darüber nach, wieder rüberzugehen - schon allein wegen ihrer Tochter, für die sie, wie wohl alle Eltern, eine bessere Zukunft will. Als wir auf Sao Nicolau landen, meint Louisa, daß wir uns sicher sehen werden: Ribeira Brava sei ein Nest.

Ich nehme ein Taxi und fahre in dieses Nest. Wenn man vorher auf Santo Antao war, kommt einem die Landschaft auf Sao Nicolau eher langweilig vor: es gibt zwar Berge, aber keine so hohen, zerklüfteten - und auch die Vegetation ist etwas karger. Ribeira Brava liegt in einem Talkessel - und ich fühle mich dort ein wenig eingeschlossen. Mein Hotel ist sehr nett, und von der Terrasse hat man einen Superblick über den ganzen Ort. Das bedeutet aber auch, daß es ein wenig am Rande des Ortes liegt - und daß die Straße in den Ort ziemlich steil nach unten führt - wenn man denn in diese Richtung geht!

Ich vermisse all die netten Leute, die ich auf den bisherigen Stationen meiner Reise kennengelernt habe. Ich vermisse die Halbinsellage von Ponta do Sol, wo das Meer allgegenwärtig ist. Ich fühle mich ziemlich gestrandet hier - und hätte ich nicht Hotel und Flüge vorher fest gebucht - ich bliebe bestimmt keine 5 Tage!

Ich gehe durch den Ort, der durchaus hübsche Seiten hat: den zentralen Platz, mit Kirche, Bücherei und Läden und eine kleine Gartenanlage. Es gibt auch einige Restaurants, aber irgendwie wirkt alles geschlossen (zugenagelte Türen). Ich gehe zurück in die Pensao Jardim und man sagt mir, ich könne, wenn ich wolle, im Hotelrestaurant essen. Dieses Angebot nehme ich gerne wahr. Es sind eine ganze Reihe von Gästen zum Abendessen gekommen - das Hotel scheint überhaupt gut belegt zu sein. U.a findet sich dort einer der unvermeidlichen Mormonen-Missionare, die recht aktiv auf den Kapverden zu sein scheinen. Bisher habe ich auf jeder Insel mehrere von ihnen getroffen: immer korrekt, in Anzug mit Krawatte. Auffällig ist auch eine Gruppe von Männern, die ständig telefonieren müssen, bzw. angerufen werden. Ich kann sie nicht so richtig einordnen: Geschäftsleute?

[]Donnerstag, den 25. Mai 2000

Mein englischer Reiseführer, der mir bislang gute Dienste geleistet hat, bietet auch eine Reihe von Wanderungen für Sao Nicolao an. Und so beschließe ich, mir ein wenig das Frustgefühl abzuwandern. Ich beginne mit einer als einfach, aber unspektakulär klassifizierten Tour, zum Fischerdorf Preguica. Ich gehe ein Stück Hauptstraße, in Richtung Flughafen. Dann führt der Weg durch ein kleines Tal, wo es einige Bauernhöfe gibt. Die Felder sind aber vertrocknet. Es scheint länger nicht mehr geregnet zu haben, anbauen kann man anscheinend nichts. Ich frage mich, was die Bauern in dieser Situation machen, wovon sie leben. Doch es ist niemand zu sehen, den ich fragen könnte.

Es geht weiter über ein Stückchen Hauptstraße, durch sehr karge, wüstenhafte Landschaft. Ich könnte auf einen erloschenen Vulkan steigen, um einen Blick in den Krater zu werfen, schenke mir das aber. Mir begegnen ein alter Mann und ein Junge, die kleine Reparaturen am Kopfsteinpflaster der Straße vornehmen. (Später habe ich erfahren, daß jeder Kapverdianer sich angeblich durch solche Arbeiten eine Art "Mindestlohn" verdienen kann.) Es geht auf Mittag zu, und die Sonne wird langsam unangenehm. Schließlich erreiche ich Preguica und gehe in Richtung Meer, steil bergab. Am Anleger scheint das ganze Dorf versammelt zu sein. Die Fischer müssen angekommen sein, der Fang wird an Land gebracht - und alle versorgen sich mit Fisch. Ich werde sehr neugierig, aber auch ein wenig mißtrauisch betrachtet. Dann verläuft sich die Menge, bis auf einige Kinder. Mit denen teile ich mein Obst und meine Kekse - und die Kinder liefern mir eine Vorführung von verschiedenen Kopfsprüngen ins Wasser. Ein Mädchen wirft im Übermut ihre zerlumpten Sandalen (es sind zwei unterschiedliche - also ein seltsames Paar) ins Wasser, weil sie glaubt, einer der Jungen würde sie wieder rausholen. Die lachen sie jedoch aus, die Sandalen driften in Richtung offenes Meer, und das Mädchen, das anscheinend nicht schwimmen kann, fängt an zu heulen. Inzwischen sind jedoch einige Männer gekommen und einer von ihnen angelt die Sandalen. Drei kleine Mädchen finden mein Haar anscheinend ganz toll und sind richtig glücklich, als ich sie es bürsten lasse. Ein Taucher mit Harpune kommt mit einem "Strang Fische" zurück und beginnt, sie gleich auszunehmen. Ich schenke den kleinen Mädchen einige hübsche Muscheln, die ich auf Sao Vicente gefunden habe, worüber sie sich total freuen. Dann breche ich in Richtung Dorf auf - und habe wieder mal eine ganze Horde von Kindern im Schlepptau. Wir treffen eine Mutter, der ganz stolz die Muscheln gezeigt werden. Am Ortsausgang halte ich ein Aluguer an. Es sind eine Reihe von Frauen an Bord, die Fisch in Preguica gekauft haben - und irgendwo zwischen Tüten und Schüsseln voll Fisch finde ich noch einen Platz. Natürlich stinke ich erbärmlich nach Fisch, als ich wieder in Ribeira Brava ankomme.

[]Freitag, den 26. Mai 2000

Ich habe Lust, mal wieder zu schwimmen. Da es laut Reiseführer in Tarrafal Strände geben soll, begebe ich mich auf den zentralen Platz, um ein Aluguer zu finden. Ich bin ein wenig spät dran, der "Hauptschwung" an reisewilligen Menschen scheint schon weg zu sein. Ein Aluguer-Fahrer erklärt mir, er wolle wohl nach Tarrafal, es könne aber noch ein wenig dauern, bis es losginge. Er müsse erst das Auto voll haben. Nach und nach finden sich andere Interessenten, und er fährt los, aber nur durch den Ort, um auf dem Markt und auf dem Weg dorthin weitere Fahrgäste zu gewinnen. Es steigen Leute ein, die am Markt wieder aussteigen, um dort Fisch zu kaufen. Als der Fahrer wieder am Markt hält, steigen sie erneut ein. Einmal steigt der Fahrer aus, um einer älteren Passagierin Zwiebeln zu kaufen. Zwischendrin erzürnt er sich noch mit einer anderen Passagierin, die kurzerhand auf dem zentralen Platz rausgeworfen wird. Nach ca. 1 Stunde fahren wir dann los.

Die Straße führt in einem weiten Bogen über den Norden der Insel, durch ziemlich gebirgige Gegend. Je höher wir kommen, je schöner wird die Landschaft: es wird grüner - und erinnert streckenweise ein wenig an Santo Antao. Mit jedem Meter, den wir fahren, gefällt mir Sao Nicolau besser, und ich bin langsam ziemlich zufrieden mit meiner Entscheidung, hierher gekommen zu sein - und hier geblieben zu sein.

Tarrafal ist der größte Ort auf Sao Nicolau und kommt im Reiseführer überhaupt nicht gut weg. Mir steht zunächst auch nicht der Sinn nach einer Ortsbesichtigung: ich will baden. Und so orientiere ich mich Richtung Strand und entdecke eine kleine Strandbar, wo es Schatten gibt und wo ich meine Sachen lassen kann. Der schwarze Strand von Sao Nicolau ist berühmt für seine rheumaheilenden Eigenschaften. An der Küste, an der auch Tarrafal liegt, soll es eine Art Kurort geben, wo man Rheumakranke in den heißen Sand einbuddelt. Wie heiß dieser Sand ist merke ich, als ich versuche, barfuß von der Bar ans Wasser zu kommen. Es geht einfach nicht, ich muß umkehren und meine Sandalen holen.

Im Laufe des Tages lerne ich Sarah kennen, die hinter der Bar steht. Sie ist ständig am schimpfen: entweder mit ihrem Sohn - oder über Gott und die Welt. Sie spricht Französisch - und ich kann mich ganz gut mit ihr verständigen. Einer der Stammgäste ist Antonio, ein Schiffsbauer. Er paßt auf meine Sachen auf, während ich im Wasser bin. Dann kommt ein Mann im Taucheranzug mit einer harpunierten Krake. Das ist Carlos, mit dem ich ganz gut Spanisch sprechen kann. Carlos sagt, er habe hier die "Verantwortung" für die Bar - und zeigt mir stolz seine Kürbispflanze. Er meint, ich müsse wiederkommen, dann würde er mir einige sehenswerte Orte an dieser Küste zeigen.

Am späten Nachmittag breche ich vom Strand auf, um doch ein wenig vom Ort zu sehen. Besonders schön ist er wirklich nicht - aber auch nicht besonders häßlich. Plötzlich hält neben mir ein Aluguer - und ein Mann, der auf der Hinfahrt schon dabei war, ruft mir aus dem heruntergekurbelten Fenster "Vila?" zu (mit "Vila" ist "Vila de Ribeira Brava" gemeint). Da ich wirklich zurück möchte, steige ich neben ihm und dem Fahrer ein.

[]Samstag, den. 27. Mai 2000

Heute möchte ich wieder wandern - und konsultiere meinen Reiseführer, der in den höchsten Tönen von einer Wanderung schwärmt, wo es einen steilen Aufstieg und einen ziemlich heftigen Abstieg gibt. Nichts für meine noch vom Cova-Krater schmerzenden Knie, denke ich und entscheide mich für den Weg nach Queimada, der nur bergauf geht. Ich folge also den Anweisungen des Reiseführers: Es geht eine angenehme Straße entlang, durch viele kleine Dörfer, und alle "Wegzeichen" stimmen soweit, bis ich an der entscheidenden Abzweigung den im Buch beschriebenen Weg nicht identifizieren kann. Die Leute denken alle, ich will zum "Monte Gordo" (der höchste Berg von Sao Nicolau) und zeigen mir lachend die Richtung. Ich habe das Gefühl, daß sie mich für ziemlich bescheuert halten. Wie auch immer: Ich komme so nicht weiter und beschließe deshalb spontan, von der anderen Wanderung nur den Aufstiegsteil zu machen. Der führt nämlich bis an die Hauptstraße, die Ribeira Brava und Tarrafal miteinander verbindet. Dort fahren ständig Aluguers, und ich beschließe, das nächst mögliche Aluguer zu nehmen, egal, ob es nach Tarrafal oder nach Vila fährt.

Ich kehre also auf den Hauptweg zurück und werde ständig von Frauen und Kindern überholt, die mit Eimern und Kanistern unterwegs zu den Dorfbrunnen sind. Wieder werde ich gefragt, ob ich zum Monte Gordo will - und wieder werde ich ausgelacht, wenn ich versuche, das zu verneinen. Ein Mann hängt sich sehr hartnäckig an meine Hacken, und nach einiger Zeit geht mir das ganz schön auf den Zwirn. Aber wie ihn loswerden? Es ihm deutlich sagen? Kein Erfolg! Ihn ignorieren? Er trottet weiter neben mir her! Einfach stehenbleiben? Er wartet mit mir! Schließlich setze ich mich auf ein Mäuerchen und beginne, auf einer Leerseite meines Reiseführers zu schreiben - und bin wild entschlossen, nicht damit aufzuhören, bis es dem Typen zu blöd wird. Das dauert seine Zeit - und langsam kommt eher meine Geduld an ein Ende. Doch ich halte durch - und siehe da: er murmelt etwas vor sich hin und geht! Ich warte ein wenig, bis er wirklich einigen Abstand zu mir hat und gehe weiter.

Kurz darauf beginnt der im Reiseführer beschriebene Aufstieg. Ich treffe eine alte Frau und ein kleines Mädchen, die Körbe voller Wäsche auf dem Kopf schleppen. Es geht sehr steil bergauf - doch trotz ihrer Last sind die beiden schneller als ich. Ich lege einen Zahn zu und hole sie ein, als sie abbiegen und über ein Feld weitergehen. Sie wünschen mir noch einen guten Weg. Es geht weiter bergauf und wird immer steiler. Zunächst begegnen mir noch einige Leute, die auf dem Weg nach unten sind. Doch dann ist der Weg menschenleer und von oben kommen Dunstschwaden herab. Es wird kalt - und mir ist ein wenig unheimlich. Der Nebel wird immer dichter, es ist eine absolut schauerromantische Atmosphäre. Ich sehe verfallene Häuser und denke mir, was wohl passieren würde, wenn ich mich hier verlaufe. Doch dann taucht die im Reiseführer beschriebene weiße Kirche auf. Ich bin als auf dem richtigen Weg - und auch fast am Ziel, in Cachaco.

Dort werden gerade größere Gepäckstücke auf dem Dach eines Aluguers verfrachtet und man fragt mich, ob ich nach Tarrafal will. Somit ist also die Entscheidung, wo es hingehen soll, gefallen.

Am Strand werde ich von meinen gestern gewonnenen Freunden begeistert begrüßt. Ich habe zwar keine Badesachen dabei, was aber auch nicht so schlimm ist. Es ist sehr windig und das Meer äußerst unruhig. Sowieso kein guter Badetag. So gegen 15:00h kommt Carlos auf die Idee, daß ich aber noch unbedingt etwas von der Küste sehen muß. Man könne ein Aluguer anheuern und nach Praia Branca und Ribeira da Prata fahren. Ich willige ein, er findet ein Aluguer und der Fahrer ist bereit, uns für 2.000 Escudos (ca. DM 40,00) zu fahren. Erst als wir unterwegs sind, wird mir klar, auf was für einen weiten Weg wir uns für die doch schon recht fortgeschrittene Zeit gemacht haben. Aber nun gibt es kein Zurück mehr.

Wir fahren also los, der Fahrer spricht Englisch und ich kann mich einigermaßen mit ihm verständigen. Unterwegs nimmt er, obwohl er ja "gechartert" ist, weitere Fahrgäste mit, aber das ist o.K. Er erzählt mir, daß er zur See gefahren ist und daß er und seine Frau ein Geschäft in Tarrafal haben. Lustig wird es, als wir am Ausgang eines Dorfes an einer Gruppe von Kühen und Kälbern vorbeifahren. Ein Kalb bekommt Panik und rennt los - immer vor dem Auto her. Der Fahrer versucht vorbeizukommen, aber ohne Erfolg. Also muß jemand das Kalb verjagen. Carlos steigt aus, rennt hinter dem Kalb her, das daraufhin noch mehr Panik bekommt und einfach schneller die Straße entlang rennt. Carlos verliert seine Latschen und den Wettlauf mit dem Kalb, das aber endlich die Straße verläßt. Jetzt muß der Fahrer auf Carlos warten, der seine Latschen holen muß.

Als wir nach Ribeira Prata kommen, meint der Fahrer, daß wir uns hier nicht allzu lange aufhalten können. Wenn ich noch ein Aluguer von Tarrafal nach Ribeira Brava bekommen möchte, dann sollten wir, weil Samstag ist, zwischen 17:00h und 17:30h wieder dort sein. Carlos macht also eine Schnellbesichtigung des hübschen Dorfes, das durch ein vertrocknetes Flußbett geteilt wird. Er zeigt mir eine Grogue-Brennerei - doch da ich das schon kenne, drängle ich ein wenig. Dann kommen wir zum berühmten "Rocha Scribida". Die im Fels sichtbaren Zeichen sollen angeblich Schriftzeichen einer vorportugiesischen Kultur sein - doch niemand weiß, was für ein Volk oder was für eine Kultur das gewesen sein soll.

Wir haben mit dem Fahrer eine Zeit für die Rückfahrt ausgemacht und als wieder da sind, müssen wir in den Dorfladen kommen, wo uns etwas zu trinken ausgegeben wird. Wie in vielen kleineren Orten ist der Laden gleichzeitig die Kneipe. Zahlreiche Männer trinken dort ihren Grogue - mir als Frau gibt man jedoch eine Cola. Das ist mir auch ganz recht, weil ich inzwischen so groggy bin, daß ein Grogue mich völlig aus den Puschen hauen würde. Da ich an diesem Tag aber noch einen recht weiten Weg vor mir habe, kann mir das (noch) nicht leisten.

So gegen 17:00h sind wir dann wieder in Tarrafal. Der Fahrer findet für mich ein Aluguer, das bis Cachaco fährt, um Musiker dorthin zu bringen. Er versichert mir jedoch, daß ich auf jeden Fall von Cachaco weiterkomme - und ich glaube ihm. Wer ihm nicht glaubt, ist Carlos. Er zeichnet Schreckenszenarien, daß ich dort hängen bleibe - oder zu Fuß nach Vila gehen muß. Jedenfalls labert er mir einen Knopf ans Ohr und ich merke, daß meine Aufnahmefähigkeit total am Ende ist, daß ich Ruhe haben möchte. Endlich kommt dann das Aluguer und ich steige ein. Carlos ist nach wie vor nicht davon überzeugt, daß das eine gute Entscheidung ist - und fast streiten wir uns zum Abschied.

In Cachaco ist die Fahrt dann auch wirklich zuende. Der Fahrer, es ist der Taxifahrer, der mich bei meiner Ankunft vom Flughafen nach Vila gefahren hat, wohnt in Cachaco. Die Bewohner des Dorfes haben sich am Laden versammelt, der auch hier gleichzeitig Kneipe ist. Es ist Wochenende - und man merkt das auch der Stimmung der Leute an. So ganz sicher bin ich mir nicht mehr, ob es von hier wirklich weitergehen wird, doch eine Frau wartet auch auf das Aluguer nach Ribeira Brava, und das macht mir wieder Mut.

Schließlich kommt wirklich ein Aluguer, ich steige ein - und kaum sind wir aus dem Dorf raus, merke ich, daß ich mein Portemonnaie nicht mehr habe. Auch das noch! Ich beginne hektisch zu suchen, die Mitreisenden merken, daß was nicht stimmt - und ich erkläre ihnen, was mein Problem ist. Auch der Fahrer bekommt mit, was Sache ist. Ich erkläre, daß ich noch in Cachaco den anderen Fahrer bezahlt habe und da mein Geld noch hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken, dreht der Fahrer und kehrt nach Cachaco zurück. Ich steige aus, die Leute im Dorf wollen wissen, was los ist. Ich erkläre es ihnen, und alle machen sich auf die Suche. Doch da sehe ich mein Portemonnaie: es liegt im Schatten einer Tonne. Ich habe es vermutlich "neben" die Tasche gesteckt! Alle freuen sich für mich, die Dorfbewohner, die Mitfahrerinnen und Mitfahrer im Aluguer - und ich erst!

Es wäre nicht die Riesenkatastrophe gewesen, denn ich habe - wie immer - nicht viel Geld bei mir gehabt. Den Großteil hatte ich bereits in den Ausflug investiert, der Verlust hätte sich also sehr in Grenzen gehalten. Doch womit hätte ich diesen Fahrer bezahlt? Ich hätte erst ins Hotel gehen müssen, um ihm seine paar Escudos zu holen. Diese krönende Episode hat mir für diesen Tag wirklich den Rest gegeben: ich kann nicht mehr und bin fix und fertig. Und da fängt so ein Rasta-Typ im Bob-Marley-T-Shirt, der neben mir sitzt, an, mich vollzulabern. Ich verstehe kein Wort, merke nur, wie ich Kopfschmerzen bekomme. Ich muß diesen Typen also zum Schweigen bringen, aber wie? Ich versuche es mit Worten und Gesten. Kein Erfolg - und alle Leute im Bus lachen sich schlapp. Ich versuche, ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, indem ich anfange, ihn wie wild auf deutsch vollzulabern - aber auch das bringt nichts. Es muß doch einen Weg geben, ihm das Maul zu stopfen. Leider habe ich kein Pflaster dabei und für einen Moment denke ich daran, ihn einfach zu küssen - doch dafür ist er mir zu unappetitlich! Dann fallen mir die Bonbons ein, die noch im Rucksack habe - und ehe er sich versieht, stopfe ich ihm eines in den Mund. Die Leute im Bus sind begeistert und applaudieren. Doch er? Für einen ganz kurzen Moment verschlägt es ihm tatsächlich die Sprache - doch dann macht er weiter! Ich verteile Bonbons an alle Mitreisenden und bemühe mich, ihn zu ignorieren. Glücklicherweise steigt er bald aus - und es kehrt eine himmlische Ruhe ein!

In Ribeira Brava treffe ich dann Louisa und Silvia. Sie sagt mir, daß sie am Freitag nach mir gesucht habe, weil ihr Freund und sie ausgegangen seien und sie mich gerne mitgenommen hätten. Schade! Doch nicht mehr zu ändern. Am Sonntag fährt sie mit ihren Eltern ans Meer - und am Montag fliege ich nach Sal. Wir werden uns vermutlich nicht mehr sehen. Wir unterhalten uns noch ein wenig über ihre Zukunftspläne. Sie denkt ernsthaft darüber nach, wieder in die USA zu gehen, damit ihre Tochter bessere Möglichkeiten und Zukunftschancen hat. So ganz überzeugt klingt sie aber auch nicht.

An diesem Abend erfahre ich dann endlich auch, mit was für Leuten ich die vergangenen Tage in einem Hotel gewohnt habe. Wie immer läuft der Fernseher im Restaurant und es gibt die Nachrichtensendung von CVTV. Heute ist auch Sao Nicolau Thema, denn ein Dorf ist an das Stromnetz angeschlossen worden - und zu diesem Anlaß ist der stellvertretende Ministerpräsident, ein Herr do Rosario, auf die Insel gekommen. In den Nachrichten wird gezeigt, wie er eine Rede hält. Kurze Zeit später taucht eben dieser Mann im Hotel auf - und gesellt sich zu anderen. Ich wohne also im selben Hotel wie der Stab dieses hohen Herren. Was einem in einem solch kleinen Staatswesen nicht alles passieren kann!

[]Sonntag, den 28. Mai 2000

Heute will ich es ruhig angehen lassen. Die Ereignisse von gestern reichen locker für 2 Tage ... Deshalb beschließe ich, den Tag in Ribeira Brava zu verbringen, zu lesen, Tagebuch zu schreiben. Auf meinem Weg durch den Ort gelange ich in eine nette kleine Gartenanlage, wo ich mich hinsetze, um zu lesen. Doch mit Ruhe ist nicht viel, denn ehe ich mich versehe, bin ich wieder von Kindern umlagert. Ein Junge namens Augustinho, ein etwas altkluges Kind, übernimmt die Hauptkommunikation, die auf der Basis Spanisch-Portugiesisch ganz gut funktioniert. Seine Schwester kämmt mir die Haare, staubt dabei ein Zopfgummi ab ... Ich mache Fotos, schreibe Adressen auf ... Augustinho bietet mir an, daß er und sein Freund Paulo mir am Nachmittag ihre Schule und andere wichtige Sehenswürdigkeiten des Ortes zeigen wollen - und ich willige ein. Einige der Kinder bringen mich zum Hotel zurück, und ich stelle fest, daß sie ganz in meiner Nähe wohnen.

Am Nachmittag taucht dann auch zunächst Augustinho auf, der mir Geschenke mitgebracht hat: eine Stoffmalerei und jede Menge portugiesisches Spielgeld. Wir sitzen auf der Terrasse des Hotels - und werden vom Restaurant aus mißtrauisch beobachtet. Ich habe das Gefühl, daß es den Leuten vom Hotel gar nicht recht ist, daß ich ein Kind reingelassen habe. Als dann Paulo kommt, ziehen wir los.

Punkt eins der Besichtigungstour ist die Schule. Es ist ein kompletter Neubau, der erst vor ca. 2 Jahren in Betrieb genommen wurde. Es gibt einen gymnasialen Teil. Hier haben vor kurzem Abschlußprüfungen stattgefunden, die Ergebnisse hängen im Fenster. Auf dem Schulhof diskutiert eine Gruppe von Jugendlichen sehr erregt. Ein Mädchen schimpft wie ein Rohrspatz - anscheinend wegen der Prüfungsergebnisse - das meinen zumindest meine "Führer". Dann kommen wir zu dem Teil der Schule, den die Jungs (12 Jahre alt) besuchen. Sie zeigen mir die Tür von ihrem Klassenzimmer und anschließend die "alte Schule", einige desolate Baracken, die jetzt nach und nach verfallen. Alle Fenster sind kaputt, in den Räumen befinden sich noch Trümmer von Möbeln. Als Paulo zwei gammelige Bälle in einem der Räume entdeckt, versucht er, sie durch ein Loch in der Scheibe mit einem Ast zu angeln - aber vergeblich.

Dann geht es weiter durch den Ort, Richtung Sportplatz. Die Jungs wollen gerne mit mir auf den Platz. Doch da alles verschlossen ist, müßten wir über Stock und Stein klettern - und ich merke, daß ich da einfach keine Lust mehr drauf habe. Auch geht mir Augustinho mit seinem altklugen Geschwätz ein wenig auf die Nerven. Ich bedanke mich deshalb ganz herzlich bei den Kindern für die Führung und gehe ins Hotel zurück. Ich muß aber versprechen, so gegen 17:00h wieder in die Gartenanlage zu kommen. Dort soll es dann Musik geben und es soll sehr nett und lustig sein. Auf dem Weg zum Hotel kommt mir eine Wagenkolonne entgegen: es ist der stellvertretende Premierminister mit seinen Leuten. Er sieht mich und winkt mir freundlich zu. Im Hotel versuche ich dann, die Transferfrage zum Flughafen zu klären, denn morgen fliege ich nach Sal. Die französischsprechende Besitzerin ist leider das ganze Wochenende schon weg - und mit den übrigen Jungs und Mädels ist die Kommunikation ein wenig schwierig. In der Hoffnung, daß man verstanden hat, daß ich morgen ein Taxi zum Flughafen brauche, gehe ich auf mein Zimmer und packe schon mal.

So gegen 17:00h gehe ich wieder Richtung Stadt. Unterwegs stoßen die Kinder zu mir. Augustinho hat seinen kleinen Bruder dabei. Er ist ca. 1 Jahr alt und hat gerade laufen gelernt. Für weitere Strecken trägt sein großer Bruder ihn jedoch huckepack. Im Garten wimmelt es von Kindern. Ich erfahre, daß jeden Sonntagabend hier quasi Kinderprogramm ist. Händler verkaufen Knabberzeug und die Kinder tummeln sich. Sie spielen fangen, laufen um die Wette. Zwischendrin wuselt immer Augustinhos kleiner Bruder. Sein Körper ist noch ein wenig merkwürdig proportioniert: er hat vergleichsweise lange Arme; außerdem hat er noch nicht alle Zähne. Über das ganze Gesicht grinsend rennt er mit seinem breitbeinigen Kleinkinder-Laufstil hinter den großen Kindern her.

Doch irgendwann habe ich endgültig genug vom "Kinderprogramm" und mache mich auf den Rückweg ins Hotel. Die Besitzerin ist inzwischen zurück, sie war übers Wochenende auf Sao Vicente. Wir unterhalten uns noch ein wenig. Sie erzählt mir, daß sie viele Jahre als Schulsekretärin gearbeitet habe. Ihr Mann sei schon seit 20 Jahren in Holland - und sie würde ihn bald dort besuchen.

Nach dem Essen bin ich immer noch im Restaurant geblieben, weil dann alle wie gebannt vor der Mattscheibe saßen, um die brasilianische Telenovela zu sehen. So auch heute. Doch wer platzt plötzlich mitten in die Telenovela rein? Augustinho! Er hat eine große Tüte mit Tamarindenfrüchten für mich dabei. Den ganzen Tag über hat er schon immer von einem Rezept geredet - und einer Frucht. Und diese Frucht bringt er mir nun! Er darf bis zum Ende der Telenovela im Restaurant sitzen bleiben, die Hotelbesitzerin erlaubt es ihm. Danach will ich schlafen - und schicke ihn nach Hause, natürlich nicht, ohne mich recht herzlich für die Früchte bedankt zu haben. Doch was mache ich nur mit diesen Dingern? [weiter]

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Als Frau alleine unterwegs
© Dezember 2000 / März 2001 Heike Carstensen

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