Kap Verde : Berichte / Gastbeiträge von Heike Carstensen

Als Frau alleine unterwegs - Santo Antão

[]Freitag, den 19. Mai 2000

Die Fähre nach Santo Antao geht um 8:00h. Deshalb gehe ich zeitig zum Hafen, ohne Frühstück. Ich hätte sicher diesbezüglich etwas arrangieren können - doch ein zu frühes Frühstück ist einfach nichts für mich. Ich bin schon auf dem Boot, als plötzlich Marie angerannt kommt. Sie hat ein Fax von Gabrielle für mich, das sie vorgefunden hat, als sie um 7:30h zur Arbeit gekommen ist. Sie ist dann sofort losgespurtet, um die Fähre noch zu erreichen: ich bin wirklich gerührt. Und dabei ist es vom Inhalt her dasselbe Fax wie das vom Vortag. Gabrielle hatte aber eine Fehlermeldung erhalten und es deshalb sicherheitshalber von ihrem Arbeitsplatz erneut geschickt....

Die Überfahrt nach Santo Antao dauert ca. 1 Stunde - und ist, wenn den Hafen von Mindelo hinter sich gelassen hat - eine ziemlich rauhe und schauklige Angelegenheit. Besonders den Kapverdianern scheint dies schwer zuzusetzen, und ich kann mich an keine Bootsfahrt erinnern, wo ich so viele Menschen habe kotzen sehen. Bereits unterwegs werde ich für ein bestimmtes Aluguer angeworben, für die Weiterfahrt nach Ponta do Sol. Als wir jedoch im Hafen ankommen, verliere ich vollständig den Kontakt zu dem Werber. Kein Wunder, bei dem Gewimmel und Gewusel, das auf dem Hafengelände in Porto Novo herrscht: überall Aluguers, unzählige Menschen, LKW, Tiere und Bananenstauden ... Zum ersten Mal, seit ich auf den Kapverden bin, fühle ich mich wirklich in Afrika. Sobald wir vom Boot dürfen, stürzen sich die Aluguer-Fahrer auf uns und rufen ihre Zielorte aus. Die meisten wollen nach Ribeira Grande. Dann höre ich "Ponta do Sol" - und melde mich gleich bei diesem Fahrer. Er ist ein wenig enttäuscht, daß ich allein unterwegs bin. Trotzdem macht er sich mit mir auf dem Weg zu seinem Fahrzeug. Er ist überhaupt nicht auf das Hafengelände raufgekommen, sondern steht recht weit hinten, in einer Warteschlange. In seinem roten Minibus befinden sich mehrere Leute, die er von Ponta do Sol zum Hafen hingebracht hat und die mit der Fähre nach Mindelo wollen. Er ist dann vorgelaufen, um sich Passagiere für die Rückfahrt zu sichern. Eine Frau fragt mich plötzlich, ob ich Heike bin. Als ich sie ganz überrascht anstarre, erklärt sie, daß sie und ihr Mann mit den Schweizern in einer Pension gewesen seien. Bea habe dann gesagt, daß sie bestimmt mich am Hafen treffen würden, weil ich doch heute von Mindelo rüberkommen würde - und genau das ist geschehen. Manchmal ist die Welt doch sehr klein!

Um von Porto Novo nach Ponta do Sol zu gelangen, muß man einmal die Insel überqueren: eine sagenhaft schöne Strecke. Zunächst wirkt die Landschaft doch noch recht karg, fast schon ein wenig enttäuschend. Doch dann, je höher die Kopfsteinpflasterpiste sich über atemberaubende Serpentinen schlängelt, je grüner und vegetationsreicher wird die Insel. Schließlich gibt es richtigen Wald. Dann sind wir so hoch, daß man von oben auf Wolken schauen kann, die in den Schluchten hängen. Hier oben ist es auch ganz schön kalt, ich muß meine Jacke anziehen. Über Ribeira Grande, die "Inselhauptstadt" (ein desolater Ort!) gelangen wir nach Ponta do Sol. Am Ortseingang werde ich an einem ziemlich neu aussehenden Haus abgesetzt: Chez Luisette, meine Pension. Hilfreiche Mitreisende tragen mir mein Gepäck nach oben - mitten in ein Chaos.

Ein etwas knurriger Mann nimmt meine Ankunft zur Kenntnis, bittet mich aber dann doch rein und bietet mir sogar eine Kaffee an. Ich setze mich auf die Couch, die in einem total unordentlichen Zimmer steht. Der Fußboden ist roher Beton - kein Teppich, kein Belag. Trotzdem sind Möbel in dem Zimmer, Bilder hängen an den Wänden - und überall steht Gerümpel, Kisten und was weiß ich rum. Auf der anderen Couch lümmelt ein französisches Mädchen und schaut fern. Ein Baby steht in einer Sportkarre vor dem Fernseher, manchmal schiebt das Mädchen es hin und her. Ein Graupapagei läuft frei im Zimmer rum, eine Katze liegt in einer Kiste mit Videokassetten.

Der knurrige Mann, teilt mir mit, daß er hier im Haus ein Wasserproblem habe, und ich deshalb in eine andere Wohnung ziehen müsse. Er bringt mich dann zu 3 großen Wohnblocks, die so überhaupt nicht in das beschauliche Dorf passen wollen. Im ersten Block schließt er mir eine Wohnung auf und zeigt mir mein Zimmer. Es ist ganz schön, und ich kann auch das Wohnzimmer mitbenutzen: mit Balkon. Die Küche jedoch schließt er wieder ab. Frühstück bekomme ich im Haupthaus, sagt er. Dann pinnt er noch einen Infozettel an die Wohnungstür, auf dem ich ermahnt werde, die Türen nicht zuzuknallen - und macht sich vom Acker.

Wegen des Zettels habe ich den Eindruck, daß ich allein in der Wohnung bin. Doch dann merke ich, daß benutzte Handtücher, Duschgel usw. im Bad sind. Ich bin nicht allein - und der nette Herr hat es nicht für nötig befunden, mir das mal zu sagen. Ich lasse mir jedoch die Laune nicht verderben, packe aus und mache mich auf einen Erkundungsgang durchs Dorf. Kaum bin ich am zentralen Platz, vor der Kirche, angekommen, da sehe ich auf einer Bank Franz und Bea. Die Wiedersehensfreude ist groß, wir tauschen Erlebnisse aus, ich erzähle meine Geschichte vom Hafen, (die Frau die mich angesprochen hat, heißt Johanna und ihr Mann Michael) und wir verabreden uns bei Fatima zum Abendessen. Fatima und ihr Mann haben eine kleine Bar in Ponta do Sol - und auf Vorbestellung kann man dort auch abends essen. Es gibt dann immer ein Gericht, meistens Fisch: reichlich, lecker und sehr günstig.

Das Dorf liegt wunderschön, halbinselhaft, und deshalb sieht und spürt man überall das Meer. Im Rücken des Dorfes beginnen die Berge und auch die Küste ist sehr felsig, Strand gibt es kaum und wenn, so ist er nur durch lebensgefährliche Klettereien zu erreichen. Es gibt einen kleinen Fischerhafen, dahinter eine Markthalle, ein größeres Restaurant, einige kleine Bars und Cafés, einige kleine Läden. Überall wird gebaut. Ich habe den Eindruck, daß wirklich jedes bebaubare Fleckchen Erde auch bebaut werden wird. Wo das bereits geschehen ist, werden die Häuser aufgestockt. Nur für die Start- und Landebahn des Flugplatzes scheint es kein Geld zu geben: sie befindet sich direkt am Meer und wird bereits seit mehreren Monaten nicht mehr genutzt, weil sie nicht in Ordnung ist.

Bei meinem Gang durchs Dorf werde ich durchaus neugierig beäugt. Ein kleiner Junge jedoch ist da direkter: frech guckt er aus einer Tür und streckt mir die Zunge raus. Ich antworte ihm auf gleiche Weise - und bekomme Kontakt mit einem Mann, der lachend diese Szene beobachtet. Die Tür führt in einen Laden, er ist der Ladenbesitzer, Herr Delgado. Der kleine Junge heißt Ugo, ist 2,5 Jahre alt und ein Nachbarskind, das oft in diesem Laden spielt. Er hat einen Ball und ich spiele mit ihm und dem Ball, was sowohl dem Jungen als auch dem Kaufmann gefällt. Er ist mehrere Jahre zur See gefahren und spricht deshalb Englisch. Seit gut 2 Jahren ist er wieder zu Hause - aber er möchte wieder los - um mehr Geld zu verdienen. Hier im Dorf, so klagt er, sei nicht viel Kaufkraft. Davon kann ich mich im Laufe unseres Gesprächs überzeugen, denn es kommen Frauen und kaufen eine winzige Menge Öl, die in eine mitgebrachte Flasche gefüllt wird. Ein kleines Mädchen, das Spülmittel kaufen will, wird weggeschickt, weil das bißchen Geld, das sie dabei hat, nicht reicht. Dann kommen einige Männer und kaufen Schnupftabak - und bald wird auch eine Grogueflasche unter dem Tresen hervorgeholt. Mir wird ein leckerer Birnensaft angeboten.

Abends esse ich dann, wie verabredet, mit Franz und Bea bei Fatima. Die beiden wollen am nächsten Tag einen Küstenwanderweg gehen und Bea fragt spontan, ob ich nicht mitkommen will. Ich habe so meine Bedenken, Kondition usw., doch Bea wischt diese zunächst weg. Franz stellt dann allerdings gezieltere Fragen: ob ich schwindelfrei sei, ob ich richtige Wanderschuhe habe usw. - und schließlich entscheide ich mich, doch nicht den ganzen Weg zu gehen. Wir verabreden, daß ich den gut begehbaren Weg nach Fontainhas mache und dort auf die beiden warte. Sie werden nämlich irgendwann aus der anderen Richtung auch durch dieses Dorf kommen, das als das schönste Dorf Santo Antaos gilt. Auch Delgado hat mir von Fontainhas vorgeschwärmt. Er stammt von dort und seine Eltern haben dort einen Laden.

[]Samstag, den 20. Mai 2000

Wie verabredet, mache ich mich auf den Weg nach Fontainhas. Man kann aus dem Dorf raus und über die Hauptstraße auf den Weg gelangen - oder man geht durch das Dorf, erst am Friedhof und dann - immer dem Geruch nach - an einem großen Schweinestall vorbei. Ja, und dann muß man irgendwie durch die kleinen Gäßchen durchfinden. Einige Dorfbewohner fragen mich: "Fontainhas?" und zeigen eine Richtung an - die allerdings manchmal auch in eine Sackgasse oder auf einen Hof führt. Und dann erlebe ich tatsächlich so eine Szene, wie sie ab und an - um die Freundlichkeit der Kapverdianer zu illustrieren - in Reisebeschreibungen geschildert wird: Eine Frau begnügt sich nicht damit, mir den Weg zu zeigen, sie geht mit, bis ich mich nicht mehr verlaufen kann.

Der Weg geht an der Künste entlang und ist wunderschön. Bei mir sind schon Zweifel aufgekommen, was ich überhaupt hier auf Santo Antao will - wo fast alle Wanderungen für jemand untrainiertes wie mich nicht machbar sind - und dann noch ohne Wanderschuhe. Wenn ich mir dann so die Einheimischen anschaue, die entweder barfuß oder auf Latschen durchs Gebirge ziehen... Jedenfalls habe ich das Gefühl, daß meine Zeit hier auf dieser Insel "gerettet" sein könnte: selbst wenn für mich alle anderen Strecken nicht machbar sind - diesen Weg hier kann ich gehen - und er ist abwechslungsreich und schön genug, um ihn mehr als einmal abzuwandern.

Nach gut einer Stunde sehe ich die bonbonbunten Häuser von Fontainhas: Das Dorf liegt auf zwei Bergen. Darunter erstreckt sich ein grünes, fruchtbares Tal. Es ist wirklich eine Augenweide. Als ich das Dorf erreiche, packt mich der Ehrgeiz. Ich nehme mir vor, den Küstenweg solange weiterzugehen, wie ich das Gefühl habe, daß ich ihn bewältigen kann und bis ich auf Franz und Bea treffe. Unterwegs begegnen mir ständig Schulkinder. Später erfahre ich, daß es auf den Dörfern eine Vormittags- und eine Nachmittagsschule gibt. Fast alle Kinder müssen zuhause mitarbeiten - und deshalb richtet sich das Schulangebot nach den Bedürfnissen der Familien. Außerdem gibt es in der Schule immer eine Malzeit: ein wichtiger Anreiz für arme Familien, die Kinder zur Schule zu schicken.

Ich treffe auch viele Frauen und Kinder, die unglaubliche Lasten auf dem Kopf über die Berge schleppen. Ich habe schon genug damit zu tun, mich selbst zu schleppen! Dann, zwei Berge hinter Fontainhas, kommen mir Franz und Bea entgegen. Sie erzählen mir begeistert von ihrer Aluguerfahrt zum Ausgangspunkt ihrer Wanderung - und Franz revidiert ein wenig seine Bedenken von gestern, ich könne die Wanderung nicht schaffen. Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg nach Fontainhas. Im Dorf wird uns Cola angeboten - und wir gehen in den Hinterhof eines kleinen Ladens, um sie dort zu trinken.

Abends sitzen wir wieder bei Fatima - und es ist noch jemand angekommen: Margit! Sie war zuerst in einem Hotel in Ribeira Grande, das sie einfach furchtbar fand. Sie ist deshalb in das andere Hotel im Ort gegangen - um dann festzustellen, daß sie zuerst in dem guten Hotel war. In ihrer Verzweiflung hat sie Alfred Mandel angerufen, einen Österreicher, der schon ewig auf Santo Antao lebt und mit dem sie im Vorfeld ihrer Reise eMail-Kontakt hatte. Alfred hat ihr geraten, nach Ponta do Sol zu fahren und dem Aluguer-Fahrer zu sagen, sie wolle zu Fatima. Fatima vermietet nämlich auch Zimmer. Margit wohnt also jetzt bei Fatima - und deshalb ißt sie natürlich auch bei ihr. Wir beide verabreden, daß wir am Montag die berühmte Wanderung vom Cova-Krater durch das Tal von Paul machen wollen.

Mit Franz und Bea gehe ich dann noch auf eine "Noite Infantil", zu der sich fast das ganze Dorf eingefunden hat - aber so furchtbar viele Veranstaltungen gibt es in Ponta do Sol sicher auch nicht. Es gibt Tanzvorführungen von Kindern, Gesangseinlagen - und eine "Bademodenschau". Dabei probieren jeweils ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen - als "Bademodenmodell" rausgeputzt, sich im Catwalk - und einige haben diesbezüglich ganz schön was drauf. Franz versucht, möglichst viel zu filmen, wird dabei aber von so vielen Kindern umlagert, die seine Kamera sehen wollen, daß er es fast vergessen kann.

Als ich abends in die Wohnung zurückkomme, erlebe ich eine unangenehme Überraschung: Der Vermieter hat wieder Gäste in den anderen beiden Zimmern der Wohnung einquartiert - und ganz offensichtlich hat er diesen Leuten auch nicht gesagt, daß das 3. Zimmer belegt ist. Jedenfalls haben meine Mitbewohner meine Handtücher als Badematten benutzt: ganz toll! Ich bin spät zurückgekommen - und alle sind bereits auf ihren Zimmern. Deshalb entlade ich meine Wut in einem englischen Briefchen, das ich an den Spiegel im Bad klebe.

[]Sonntag, den 21. Mai 2000

Beim Frühstück lerne ich Klaus und Beate kennen, die das große Vergnügen haben, im wassergeschädigten Haupthaus zu wohnen. Sie versichern mir, daß ich über mein Ausweichquartier wirklich froh sein kann, denn bei ihnen im Zimmer würde es furchtbar stinken. Die beiden empfehlen mir, nach Mao para Tras zu fahren, um dort eine kleine, nette und überhaupt nicht anstrengende Wanderung durch ein ausgetrocknetes Flußbett zu machen. Der Vorschlag klingt gut, und so fahre ich gegen Mittag mit einem Aluguer nach Ribeira Grande. Von dort laufe ich die Straße in Richtung Sinagoga, bis ich den Eingang in das Tal von Mao para Tras auch finde.

Klaus und Beate sagten mir, man könne hier gut eine Stunde wandern, müsse aber aufpassen, daß man auf dem Wanderweg bleibe und nicht in die Plantagen hineingerate. Das Tal ist sehr fruchtbar, es werden u.a. Bananen und Zuckerrohr angebaut. Ich gehe den Weg, den ich für den Hauptweg halte, doch ich gelange recht schnell in eine Sackgasse. Auch verschiedene Abzweige führen nicht wesentlich weiter - von einer einstündigen Wanderung bin ich weit entfernt. Trotzdem bereue ich nicht, hergekommen zu sein, denn das Tal ist sehr schön, sehr grün und hat eine äußerst angenehme, wohltuende Atmosphäre. Die Hauptstraße, von der ich gekommen bin, führt über eine Brücke über den Eingang des Tales, und unter dieser Brücke hindurch kann man ans Meer gelangen, an einen Steinstrand. Dort spielen einige Kinder, z.T. auch mit Asche, die häufchenweise am Strand liegt (später erfahre ich, daß das Asche vom Zuckerrohrstroh ist, das beim Groguebrennen zum befeuern der Destille genommen wird). Deshalb sind diese Kinder ziemlich schmutzig, richtige süße Schmuddelkinder.

Die Kinder beobachten mich zunächst aus der Distanz, kommen aber dann doch näher und stehen um mich rum und betrachten mich. Ich hole meine Kamera raus und mache Fotos - und alle Kinder stellen sich in unterschiedlichsten Gruppen für mich auf. Die Wortführerin ist ein 14jähriges Mädchen namens Marie. Ich kann mich einigermaßen gut auf Spanisch mit ihr verständigen - und sie bittet mich, ihre Adresse aufzuschreiben, damit ich die Fotos später schicken kann. Ich schenke Marie den Kugelschreiber, mit dem ich die Adresse notiert habe - und den anderen Kindern Flummies, die ich extra aus Deutschland mitgebracht habe, um mal ein kleines Geschenk dabei zu haben. Mein Vorrat ist groß genug, um jedem Kind einen Flummie zu schenken. Sie freuen sich sehr - und halten die bunten Kugeln zunächst für Bonbons und stecken sie in den Mund, sind aber dann auch nicht sehr enttäuscht, als ich ihnen zeige, daß es extrem hochspringende Bälle sind.

Marie schlägt mir vor, mit den Kindern zurück ins Tal zu gehen, damit sie mir alles zeigen können - eine tolle Idee. Auf dem Weg ins Tal treffen wir Maries Mutter, der ich vorgestellt werde, und Marie gibt ihrer Mutter den Kugelschreiber. Und dann geht es los, mit einer Horde von Kindern über Stock und Stein. Wie die kleinen Gemsen klettern sie los. Als sie aber merken, daß ich nicht ganz so gut mitkomme, sind sie sehr hilfsbereit, zeigen mir den sichersten und bequemsten Weg auf, reichen mir auch schon mal die Hand. Sie erklären mir, was alles im Tal wächst, Bananen, Zuckerrohr, Mangos, Papayas ... zeigen mir Ziegen- und Schweineställe, eine Kuh, Bewässerungsbecken usw. und pflücken mir frische Pfefferminze. Während die kleineren Kinder jede Menge grüner, unreifer Mangos knabbern, fragt Marie mich über Deutschland und mein Leben dort aus. Ich frage sie, was sie nach der Schule machen will, und sie sagt, sie möchte Rechtsanwältin oder Wissenschaftlerin werden. Sie kämmt mir schließlich noch meine Haare und bindet sie ordentlich zusammen - und dann gehen wir zurück. Die Kinder begleiten mich noch bis zum Ortseingang von Ribeira Grande und kehren dann in ihr schönes Tal zurück.

[]Montag, den 22.Mai 2000

Heute soll es zum Cova-Krater gehen. Ich freue mich, bin aber auch ein wenig aufgeregt. Bea und Franz, die gestern abgereist sind, haben diese Wanderung auch gemacht, und durch ihren Bericht bin ich richtig heiß auf diese Tour geworden. Ein wenig mulmig ist mir aber trotzdem. Margit jedoch versichert mir, daß ich mir keine Sorgen machen müsse, sie würde sich an mein Tempo anpassen und wir würden alle Pausen machen, die ich benötige. Um 7.30h fahren wir mit dem Aluguer (wir fahren wieder mit Cecilio, dem Fahrer, mit ich nach Ponta do Sol gekommen bin, ein Cousin von Delgado) ab und lassen uns in Cova absetzen. auf der Fahrt wird mir klar, daß ich vermutlich nie auf Santo Antao selbst fahren möchte: diese kurvigen, engen Straßen - und dann kommt an einer Baustelle ein LKW entgegen und Cecilio muß zurücksetzen - mir wird ganz anders!

Es ist ein schöner, frischer Morgen und gutgelaunt machen wir uns auf den Weg zum Kraterrand. Ein französisches Ehepaar, das auch bei Fatima wohnt, ist mitgekommen. Die beiden wollen ein kapverdisches Kind adoptieren. An diesem Morgen zeigt sich, daß sie trainierte Wanderer sind, denn sie haben Margit und mich bald abgehängt. Wir gehen ein eher gemächliches Tempo - und werden plötzlich von 3 rennenden Eseln überholt. Ein Esel ist mit Plastikkanistern beladen, die beim Rennen ein ziemlich lautes Klappergeräusch verursachen. Kaum sind die Esel weg, kommen 3 Kinder hinterher gerannt, denen die Esel anscheinend ausgebüxt sind.

Der Kraterboden ist sehr fruchtbar und wird für den Maisanbau genutzt. Die zartgrünen Maispflanzen heben sich schön von der dunklen Erde ab. Weiter oben in der Kraterwand haben wir erneut ein Eselerlebnis: Ein Esel steht mitten auf dem Weg - und bewegt sich nicht von der Stelle. Neben dem Weg ist eine Eselin getüdert - und vielleicht glaubt er, daß er sein Revier verteidigen muß. Ich gehe einfach an ihm vorbei, aber Margit traut sich nicht. Es dauert eine ganze Weile, bis ich sie überzeugen kann, es mir gleich zu tun. Kurz hinter den Eseln haben wir dann den Kraterrand erreicht - und weil es ein ungewöhnlich klarer Tag ist, haben wir einen Wahnsinnsblick über das gesamte Tal. Die meisten Cova-Wanderer haben berichtet, daß sie zunächst durch Hochnebel hindurchgewandert sind, was ja auch eine tolle Erfahrung sein muß. Wir können jedoch sehr deutlich den Weg sehen, den wir gehen müssen: scheinbar endlos schlängelt er sich durch die Landschaft, und mir wird schon ein wenig mulmig.

Doch es läßt sich alles sehr gut an. Bald sind wir auch in bewohnten Gegenden, sehen zuckerrohrkauende Kapverdianer uns entgegen kommen. An einer Stelle wird Zuckerrohr geerntet, woanders werden Terassenfelder bestellt. Alles ist sehr fruchtbar und sehr grün. Bald kommen uns auch Kinder entgegen, die uns Blumen schenken wollen, dafür aber auch etwas haben wollen: am liebsten Geld, aber zur Not tun es auch Kugelschreiber oder Bonbons.

Margit und ich haben verabredet, daß wir nichts nehmen und auch nichts geben. Schon auf der Wanderung nach Fontainhas sind mir die schnorrenden Kinder ein wenig aufgestoßen. Es geht ja nicht so sehr darum, daß ich nichts geben möchte - aber dadurch, daß Touristen den Kindern etwas geben, wird diese Bettelei überhaupt erst installiert. Den Kindern von Mao para Tras, mit denen ich einen intensiveren Kontakt hatte, etwas zu schenken, war für mich eine andere Sache; doch wenn wildfremde Kinder wildfremde Ausländer prinzipiell anbetteln - dann finde ich das eher schlimm.

Dann erreichen wir das Dorf Passagem - und bevor wir richtig im Dorf sind, lege ich einen Sturz hin. Der Weg geht bergab und besteht nur aus loser Erde, auf der ich ins rutschen gerate und in einem Bananenbeet lande. Zum Glück ist nichts passiert und wir können weitergehen. Im Dorf winkt uns plötzlich jemand aus einem Haus zu: es ist Pascal. Unsere Franzosen haben einen anderen Franzosen namens Sandro getroffen, der in Passagem lebt und für die beiden ein Mittagessen organisiert hat. Wir können mitessen: es gibt Reis mit Hühnchenfleisch und Gemüse, dazu Spiegeleier. Außerdem Bananen und Kaffee.

So gestärkt machen wir uns auf den Weg in eine Grogue-Brennerei, zu der Sandro gute Kontakte hat. Dort wird uns der gesamt Grogue-Herstellungsprozeß erläutert. Wir bekommen ein Stück Zuckerrohr zum knabbern und ein Glas Zuckerrohrsaft (was ich ja schon von Cuba kenne). Nachdem wir die diversen, nicht besonders wohlriechenden Stadien des Gärungsprozesses gewürdigt haben, wird uns gezeigt, wie der Grogue gebrannt wird - und schließlich werden wir zu einer Verkostung eingeladen. Da wir noch eine ziemlich weite Strecke vor uns haben, muß die eher klein-klein ausfallen, aber immerhin: ich nippe, und dieser Grogue schmeckt mir wesentlich besser, als der, den ich in Kneipen zu trinken bekam. Man erklärt uns, daß man den Grogue aus einiger Höhe in ein Glas gießen muß, so daß sich Blasen an der Oberfläche bilden. An der Menge der Blasen erkennt man, wie stark der Grogue ist. Margit kauft für ihren Freund etwas Grogue. Der wird in eine Bierflasche mit Schraubverschluß abgefüllt -. und sie meint, sie könne ja versuchen, ihm das Zeug zunächst als Bier unterzujubeln. Ich kaufe nicht, denn glücklicherweise geht meine Reise ja noch ein Ende weiter - und da will ich nicht mit einer Bierflasche voller Schnaps rumlaufen.

Wir verabschieden uns von Sandro und machen uns auf den Weg zu Alfred Mandel. Alfred lebt seit etwa18 Jahren auf Santo Antao, von wo aus er Wander- und Treckingtouren organisiert. Er bewohnt mit seiner Familie ein imposantes Flaschenhaus: zahllose aufeinandergestapelte Flaschen bilden einen beeindruckenden Rundbau. Unsere Franzosen sind besonders an Alfreds umfassender Kenntnis kapverdischer Verhältnisse interessiert - wegen ihrer Adoptionsgeschichte.

Alfreds Haus ist von einer hohen Mauer umgeben, die ein Tor mit Klingel hat. Wir klingeln also, und ein kleiner Mann mit langen, ergrauenden Haaren und Vollbart öffnet uns. Wir gehen in das Flaschenhaus, in die Küche. Der Boden besteht aus festgestampfter Erde, Schränke gibt es nicht, alle Geräte hängen - und durch die braunen Flaschen entsteht ein seltsames, aber sehr angenehmes Licht.

Nachdem unsere Franzosen ihren Informationsbedarf gedeckt haben, machen wir uns wieder auf den Weg - der sich ab jetzt wirklich zieht. Hinter jeder Biegung hoffe ich, daß wir das Dorf Paul erreicht haben - aber dem ist nicht so. Endlich, es ist inzwischen fast 18:00h, sitzen wir in einem Aluguer - und zu unserer großen Freude können wir ohne Umsteigen bis nach Ponta do Sol fahren. Dort wartet Fatima mit einer Riesenportion Cachupa auf uns, das richtige Essen nach einem solchen Tag.

[]Dienstag, den 23. Mai 2000

Für heute habe ich einen Ruhetag eingeplant, denn nach den - für mich völlig ungewohnten - Strapazen vom Vortag spielt mein Körper verrückt. Ich habe tierischen Muskelkater, und auch mein Magen ist ein wenig angeschlagen.

Beim Frühstück treffe ich Joseph, einen österreichischen Arzt. Ich zeige ihm das Dorf und buche ihn gleich bei Fatima zum Abendessen ein. Er macht sich dann auf den Weg nach Fontainhas. Ich lasse es ruhig angehen: Karten und Tagebuch schreiben, ein wenig lesen. Es ist absehbar, daß ich mit den mitgenommenen Büchern wohl auskommen werde: bis Mindelo habe ich an dem neuesten Krimi von Elizabeth George gelesen. Ich bin inzwischen nicht mehr ganz so gierig auf ihre Bücher, wie vor einigen Jahren noch. Trotzdem ist es die optimale Urlaubseinstiegslektüre, ein dicker Schinken, in den man erstmal abtauchen kann. Dann habe ich "Die Freundschaft" von Connie Palmen gelesen - für mich die Leseentdeckung dieses Urlaubs. Hier auf Santo Antao folgte dann wieder ein ganz netter Krimi: "Lokalausgabe" von Shulamit Lapide - und momentan lese ich eines von den Büchern, die ich schon immer gelesen haben wollte: "Der Vorleser" von Bernhard Schlink - und ich finde es absolut lesenswert.

Ich gehe noch mal zu Delgado, um mich zu verabschieden, und er macht mit mir einen kleinen Rundgang durchs Dorf, wobei er mir u.a. erklärt, wer welches Haus mit welchem Geld baut. So erfahre ich dann, daß der Wohnblock, in dem ich momentan lebe, von dänischen Investoren gebaut wurde. Die Wohnungen sollen als Eigentumswohnungen verkauft werden. Als ich frage, wer denn diese Wohnungen kaufen soll, bekomme ich keine wirklich zufriedenstellende Antwort. Und ich glaube, daß es die auch nicht gibt, denn die meisten Wohnungen scheinen leer zu stehen.

Abends sind wir dann alle ein letztes Mal bei Fatima. Sie hat den Fisch besonders dekorativ auf ein Gemüsebett gelegt - und zum Nachtisch gibt es sogar ein Stück Kuchen. Joseph erzählt dann so ganz nebenbei, daß er den Küstenwanderweg (den Bea und Franz zuvor gegangen sind) gemacht hat. Da er aber von Ponta do Sol über Fontainhas bis zum Endpunkt gewandert ist, hat er mal eben locker den Rückweg - über ein Hochplateau - auch per pedes erledigt: ein Wanderpensum von zwei Tagen an einem! Zumindest gibt er zu, daß er ziemlich groggy ist. Auf dem Rückweg zur Pension macht sich mein Muskelkater unangenehm bemerkbar - und Joseph lästert über meinen "unphysiologischen" Gang. [weiter]

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Als Frau alleine unterwegs
D © Dezember 2000 / März 2001 Heike Carstensen

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